Hans Werner Richter, jawoll, das war einer von uns – ein Bansiner.


Hans Werner Richter, jawoll, das war einer von uns – ein Bansiner.

Bansin hat – genau wie die anderen beiden Kaiserbäder – vieles zu bieten. Da ist die Bergstraße mit ihren herrlichen Villen, der Seesteg, der sicher viel zu berichten hätte, wenn er denn könnte; unsere Kurmuschel, die Künstlern aller Art besonders im Sommer eine Bühne bietet. Und überall der niemals enden wollende Blick aufs Meer.

Hier wurde auch Hans Werner Richter, der am 12. November 1908 in Neu Sallenthin geboren wurde und zwei Jahre später nach Bansin zog, groß. Als fünftes Kind eines Fischers und der Tochter eines ortsansässigen Katenbauers entstammt Richter einer traditionellen Arbeiterfamilie. Sein Großvater kam als arbeitsloser Weber auf die Insel, konnte dort zwischenzeitlich jedoch wieder in seinem Beruf arbeiten. Außer Richters jüngstem Bruder, der in Berlin studierte, nahmen alle Kinder eine handwerkliche Ausbildung auf. Richter hingegen wurde, nach anfänglichen Problemen, Buchhändlerlehrling und absolvierte von 1924 bis 1927 eine entsprechende Ausbildung in Swinemünde. 1928 erhielt er eine Anstellung als Buchhandelsgehilfe in der Tempelhofer Buchhandlung in Berlin. Dieser Lebensabschnitt wurde für Richter, wie er später sagte, zur„literarischen Goldgrube“ (zitiert nach Embacher).

Sein großes politisches Interesse trieb ihn immer dazu, literarische Schriften zu verfassen und sich mit anderen auszutauschen. Er fand sich mit Gleichgesinnten zusammen, die aufgrund ihres Gründungsjahres ‚Die Gruppe 47‘ gennant werden, die einflußreichste literarische Formation des Nachkriegs, jenes lockere, flüchtige Gebilde mit seinen handfesten Auswirkungen auf Literaturmarkt und Dichterruhm. Diese Gruppe war das Werk des Zufalls, der Stunde Null und Hans Werner Richters. Aus einer (geplanten) Literaturzeitschrift war sie hervorgegangen, die die Besatzer wegen Aufmüpfigkeit verboten hatten: Was nicht gedruckt werden durfte, las man sich einfach vor. Es hatte etwas von Lagerfeuer und Kaffeehaus.

Richter, ein pommerscher Querschädel, der seinen eigenen Schreiberehrgeiz seinem organisatorischen und taktischen Genie opferte, war der Mann der Stunde. Er brachte Zug und Zucht in das Treffen dieser Individualisten. Er ließ die Dichter lesen und die Kritiker quatschen. Er erteilte das Wort, und alle fügten sich; er spürte, daß es Zeit sei, ein großes Werk zu kreieren, und die Dichter verliehen einen Preis an ihresgleichen – den angesehensten der Jahre von 1950 bis 1967. (vgl. Karasek)

Deutschland hatte keine Hauptstadt und auch kein literarisches Hauptstadtleben – also stiftete er es und schmiß regelmäßig eine dreitägige Runde gesamtdeutscher Literatur. Natürlich hatte Richter auch Glück. Er hatte Autoren wie Graß, die ihm mit der „Blechtrommel“ mal eben einen Welterfolg schenkten; außerdem Böll, den guten Menschen von Köln, der zur moralischen Nachkriegsinstanz wurde, katholisch und doch linksdemokratisch. Essayistische und polemische Begabungen wie Walser und Enzensberger schrieben den Ruhm der Gruppe mit für deutsche Verhältnisse ungewöhnlicher Eleganz in die Welt.

Mit seiner Prosa ging es Richter immer darum, Missstände anzuprangern und den gesellschaftlichen Wandel voran zu treiben. Seine Bücher zeichneten sich durch eine einfache und klare Sprache aus. Metaphern lagen ihm fern. Zur Avantgarde seiner Zeit konnte er nicht unbedingt gezählt werden, denn immer wieder ordnete er literarische Qualität dem politisch-aufklärerischen Wirken unter. Vielfach hat er in seine Bücher autobiographische Elemente einfließen lassen. So handeln die Werke ‚Die Geschlagenen’ (1949), ‚Sie fielen in Gottes Hand’ (1951) und ‚Du sollst nicht töten’ (1955) von seinen Kriegserlebnissen. Die Kindheit auf Usedom verarbeitete er in ‚Spuren im Sand’ (1953), in ‚Blinder Alarm. Geschichten aus Bansin’ (1970) setzt er sich mit seinem Vater auseinander. Richters literarische Zielsetzung wurde vielfach schon durch die programmatischen Titel deutlich, die er seinen Texten gab –so unter anderem ‚Bestandsaufnahme – Eine deutsche Bilanz’ (1962) oder ‚Plädoyer für eine neue Regierung‘, oder ‚Keine Alternative'(1965). Richter hat sich nie vom Schreiben abbringen lassen. Mehrere Preise und Ehrungen wurden ihm im Verlauf seines Lebens verliehen, darunter 1979 das Große Bundesverdienstkreuz. Die größte Auszeichnung, die einem Menschen seines Formats zuteil werden kann, erhielt er jedoch von Günter Grass. Dieser setzte ihm in seiner 1979 erschienen Erzählung ‚Das Treffen in Telgte‘ ein literarisches Denkmal.

Als Toni Richter, die Witwe des Schriftstellers, der 1993 verstarb, die Hans Werner Richter –  Stiftung Bansin 1998 einrichtete, ging es ihr nicht um das abgeschlossene Werk ihres Mannes, sondern um dessen Fortsetzung. Die Stiftung versammelt einmal im Jahr in der alten pommerschen Universitätsstadt Greifswald junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller, nicht nur deutscher Zunge, sondern auch solche aus den Staaten der Ostsee, des baltischen Meeres, das der Fischersohn Richter von der Insel Usedom so liebte, zu Lesung und Gespräch.

Dazu lädt auch in bekannter Weise, im Zentrum von Bansin, nur eine Straßen- und Häuserbreite vom Meer getrennt, das Hans Werner Richter Haus ein, dort, wo früher die Feuerwehr beheimatet war. Ein kleines, eher unscheinbares anderthalbgeschossiges Häuschen, das eine sehr interessante Sammlung zu Leben und Werk von Hans Werner Richter beheimatet und nicht nur im Herzen des Ortes liegt, sondern auch im Herzen der Bansiner. Hans Werner Richter, jawoll, das war einer von uns – ein Bansiner.

Hans Werner Richter Haus
Waldstraße 1A
17429 Seebad Bansin

Telefon +49 (0) 38378 47801
eMail hwr-haus@kaiserbaeder-auf-usedom.de

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