Spuren der Geschichte (2) – Hans Werner Richter


Spuren der Geschichte (2) – Hans Werner Richter

BERGSTRASSE BANSIN © HENRY BÖHM

Hand auf’s Herz – Wer hat den Namen schon gehört, wer kennt seine Werke oder weiß wie er lebte? Hans Werner Richter, ein Sohn der Gemeinde, war nicht nur ein unterschätzter Schriftsteller, sondern ein ebenso verkannter Widerstandskämpfer.

Wir schreiben das Jahr 1908. Das Jahr in dem der Dichter Wilhelm Busch stirbt, sich William Howard Taft neuer Präsident nennen darf, in Peking ein Zweijähriger zum Kaiser gekrönt wird, der erste deutsche Motorflug gelingt und der Kaffeefilter auf den Markt kommt. In diese Riege der oftmals übersehenen und dennoch weltverändernden Ereignisse reiht sich auch Hans Werner Richter ein, der eben 1908 in Neu Sallenthin bei Bansin als Sohn eines Fischers geboren wird. Als Jungspunt absolvierte Richter eine Lehre zum Buchhändler in Swinemünde, später arbeitete er als ein solcher in Berlin.

 

 

 

Urheber der Fotos: Hans-Jürgen Merkle

1930 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei, die sich aus dem vorherigen Spartakusbund um Karl Liebkneckt und Rosa Luxemburg als Opposition gegen die Sozialdemokraten formierte. Aufgrund seiner politischen Tätigkeit wurde Richter ab 1940 von der Gestapo beobachtet und kurzzeitig verhaftet. Der Verdacht: Er sei ein Führer der pazifistischen Jugend. Im selben Jahr wird er zum Kriegsdienst in die deutsche Wehrmacht einberufen.

In der Schlacht von Monte Cassino, Italien, im Jahr 1943 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, die bis 1946 andauerte. Seine Erlebnisse und Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet Richter in seinem Roman „Die Geschlagenen“. Während der Inhaftierung war er Redakteur der Kriegsgefangenenzeitung „Der Ruf“, ein Name, den er nach seiner Rückkehr nach München ebenso für seine linksgeartete und scharfkritische Zeitschrift verwendet. Bereits 1947 kam es durch die amerikanische Militärregierung und Besatzungsmacht zum Verbot des Blattes.

Aus Anlass der Gründung einer neuen Zeitung, lud Hans Werner Richter ausgewählte Autoren, Lektoren, Verleger und Kritiker 1947 an den Bannwaldsee in Bayern ein. Doch aus dem ursprünglichen Vorhaben, erwächst die „Gruppe 47“, die sich bald zum wichtigsten literarischen Forum und zu einer einflussreichen kulturellen Institution entwickelt. Mitglieder waren unter anderem Ilse Aichinger, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki.

In den 50er Jahren verarbeitet Richter sein Leben in seinen Werken. 1951 erscheint der Roman „Sie fielen aus Gottes Hand“, in der er die Schicksale von zwölf Kriegstätern und -opfern verschiedener Nationen miteinander verflechtet. Seine Kindheit und Jugend beschreibt er 1953 in seinem Werk „Spuren im Sand“, in dem er nicht nur seine Verbundenheit zur Insel Usedom spüren lässt, sondern auch die politische und geistige Engstirnigkeit jener Zeit verdeutlicht. „Du sollst nicht töten“, Richters Roman aus dem Jahre 1956, erfasst in einem Gleichnis das schicksalhafte Leben einer deutschen Familie im wertezerstörenden Krieg zwischen Nationen.

In der Folgedekade kritisiert er durch sein Werk „Bestandsaufnahme: Eine deutsche Bilanz“ unverblümt die Politik der Adenauer-Zeit, in der die Westintegration Vorrang vor der Wiedervereinigung genoss. In seinem autobiographischen Roman „Blinder Alarm. Geschichten aus Bansin“, der 1970 erscheint, schreibt Hans Werner vom Leben seines Vaters Richard, der ebenso wie er gegen Autoritäten opponiert und letztendlich verliert.

Im Jahr 1986 erhält Hans Werner Richter den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie für schöne Künste, der erstmalig vergeben wird: Eine Würdigung seines Lebenswerks.

 

 

 

Hans Werner Richter, Urheber des Fotos: Helmut Graumann, “Bedeutende Persönlichkeiten aus Mecklenburg und Vorpommern und ihre Nachfahren”, 2016

1993 stirbt er schließlich in München. Auf eigenen Wunsch wurde er auf dem Friedhof in Bansin beigesetzt. Das ehemalige Feuerwehrhaus des Ortes fungiert heute als Gedenkstätte für den Romancier und Erzähler.

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