Spuren der Geschichte (3) – des Kaisers Tee bei Frau Konsul Staudt


Spuren der Geschichte (3) – des Kaisers Tee bei Frau Konsul Staudt

Quelle: “Zum Tee mit dem Kaiser in Heringsdorf”, 2002, Guillermo Staudt, S.47

„Erinnerungen sind wie ein Bilderbuch. Man kann in ihnen blättern, die schönen aufschlagen und die bitteren übergehen.“ So schreibt es Guillermo Staudt 1989 in seinem Vorwort zum Buch „Im Poncho auf der Pirsch“. Der Name verrät es bereits – er war nicht nur ein direkter Nachfahrer des Konsuls, sondern Enkel dessen und seiner Frau Elisabeth, die im Mittelpunkt der Familiengeschichte steht.

In der kleinen und beschaulichen Gemeinde Hellenthal in der Eifel schreibt man das Jahr 1859. Der sechsjährige Bursche, Jakob Wilhelm, den alle nur Jakob rufen, wird von seiner Mutter Pauline in ein nahegelegenes Dorf geschickt, um Einkäufe zu erledigen. Zwar wiederholt er auf dem Weg dorthin immer und immer wieder seinen Auftrag, doch als er die Bahnglocken an einem Übergang hört, der Zug sich nähert und fauchend Rauch ausstößt, geriet er ins Staunen und Vergessen. Dieser Bursche soll es sein, der später das Imperium Staudt erbaut.

Im Jahr 1877 ist aus dem kleinen Jungen ein junger Mann geworden, der sich fortan nicht mehr Jakob, sondern Wilhelm nennt. Er besteigt am 15. April eine Schiffspassage, die ihn von Bordeaux nach Buenos Aires bringt. Dort wird er in einem deutschen Handelshaus angestellt. Im Rahmen seiner Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter merkt er bald, dass ein reibungsloser Warenaustausch mit Übersee nicht auf Briefe beruhen sollte, sondern eine schnelle Kommunikation mittels eines kommerziellen Telegraphenschlüssels erforderlich ist. Mit dem Honorar, das der Erfolg des Schlüssels brachte, begab er sich nach Lyon um Stoffe, Wolle und Häute anzuschaffen und legte damit den Grundstein für sein Handelshaus und Import-Export-Geschäft.

Während 1885 eine politische und wirtschaftliche Krise in Argentinien herrschte, befand sich Wilhelm Staudt in Berlin, wo er Elisabeth Albrecht, kurz Ise, kennenlernt und heiratet. Sie galt als imposante Erscheinung – nicht nur aufgrund ihrer stattlichen Größe von über einen Meter achtzig, sondern ebenso aufgrund ihrer Klugheit und Umsicht, ihrem Willen und Charme.

Konsul Wilhelm Staudt um 1900
Frau Konsul Staudt um 1895
Familie Staudt um 1905

 

 

 

 

 

 

Quelle: “Zum Tee mit dem Kaiser in Heringsdorf”, 2002, Guillermo Staudt, S. 11, S. 15, S. 17

Sie bezogen 1890 mit ihren Kindern Richard Wilhelm Albrecht (1888 – 1955) und Auguste Victoria (1890) das Palais Staudt in Berlin. Mercedes Maria Margarete (1891 – 1969) kam in Heringsdorf zur Welt, Charlotte Luise (1893) in Berlin.

Die heutige Villa Staudt in Heringsdorf errichtete die Familie im Jahr 1905. Die dort zuvor befindliche Villa Meeresblick wurde abgerissen, der neu entstandene Prunkbau im Jugendstil wurde Miramar getauft. Doch das Familienglück der Familie hielt nicht lange an: Wilhelm Staudt verstarb im April 1906 an einer Blinddarmentzündung. Fortan führte die Witwe des Konsuls zu Uruguay, die künftig unter dem Namen Frau Konsul angesprochen wurde, das Geschäft der Familie Staudt weiter.

Die Familie Staudt, nicht zuletzt aufgrund Elisabeths Gespür, investierte bereits Jahre zuvor in Pferde sowie Pferdewaagen. Nun waren sie nicht nur für ihre Gespanne bekannt, sondern auch für Mercedes Begabung im Turnierreiten. Dabei lernte sie 1908 den Rittmeister Wilhelm von Kummer, Sohn des Generals von Kummer und Patenkind seiner Majestät Wilhelm II., kennen und lieben. 1908, bei der Trauung der beiden, war auch der Kaiser zugegen, der nicht nur einen Trinkspruch zum Besten gab, sondern ebenso die Bekanntschaft mit Mercedes Mutter, Elisabeth Staudt, machte.

Familie Staudt um 1893
Frau Konsul Staudt und Kinder um 1894
Die Kinder Staudt um 1900

 

 

 

 

 

Quelle: “Zum Tee mit dem Kaiser in Heringsdorf”, 2002, Guillermo Staudt, S. 30, S. 31, S. 29

In den Jahren von 1909 bis 1912 besuchte der letzte Deutsche Kaiser und König von Preußen Frau Konsul jedes Jahr in ihrer Villa Miramar in Heringsdorf zum Tee. Auch heute noch steht die Villa der Familie Staudt an ihrem Platz, wenngleich es nicht mehr in Familienbesitz ist. Elisabeth Staudt verkaufte es 1938 an Theordor Morell, dem Leibarzt Adolf Hitlers, bevor sie in die Schweiz auswanderte. 1943 von der Wehrmacht beschlagnahmt, diente es vorerst als Lazarett, dann als Ferienheim der SED und heute als Feriendomizil.

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