Spuren der Geschichte (7) – Theodor Fontane und sein Lieblingsort


Spuren der Geschichte (7) – Theodor Fontane und sein Lieblingsort

Ja, so schön das ist, man kann doch nicht immer bloß AUFS MEER BLICKEN.”

Ob „Unterm Birnbaum“ (1885), „Meine Kinderjahre“ (1894) oder „Effi Briest“ (1896) – Theodor Fontanes (1819 – 1898) Lebenswerk begleitet auch heute noch die jungen Jahre vieler Kinder und Jugendlicher. Grund genug, die Schöpfungen dieses bedeutenden deutschen Schriftstellers entsprechend zu würdigen – nicht nur anlässlich seines 200-jährigen Geburtstags.

Wir alle, so vermute ich, lebten in Fontanes Welt. Wir entdeckten mit Abel den Fund unter dem Birnenbaum, erlebten wie sich der junge Graf Haldern in Stine verliebt, durchlebten zusammen mit der siebzehnjährigen Effi ihr Schicksal oder litten mit Cécile und ihrem auferlegten Lebensweg.

Doch genauso wie seine Protagonisten, hatte auch Fontane kein leichtes Leben. Geboren und aufgewachsen in Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henry und seiner Frau Emilie, zogen sie 1826, nachdem der Vater die Apotheke aufgrund seiner Spielschulden veräußern musste, nach Swinemünde – „einem Städtchen mit ungepflasterten Straßen“, wie Fontane in seiner Autobiografie schreibt. Während er seinen Vater als humorvollen Geschichtenzähler in Erinnerung behält, charakterisiert er seine Mutter als sachlich, unnachsichtig und gewaltsam.

Bevor er sich als freier Schriftsteller verdingte, absolvierte er die Ausbildung zum Apotheker und trat in die Fußstapfen seines Vaters, wenngleich er sich in diesem Beruf nicht selbstständig machte. Fontane ließ bereits in frühen Werken seine Kindheits- und Jugenderinnerung einfließen, doch erst als sein Arzt ihm aufgrund einer Hirnischämie und depressiven Episoden die Niederschrift seines Lebens empfahl, kamen seine autobiographischen Werke zustande. Diesem Rat gefolgt, erholte er sich während der Schaffenszeit von „Meine Kinderjahre“ von seiner Krankheit, beendete „Effi Briest“ und schrieb weitere Romane, in die er seine Lebenserinnerungen einfließen ließ.

So beschreibt er seinen Lieblingsort auf Usedom – Störtebekers Kul, ein Erdtrichter zwischen Swinemünde und Heringsdorf, der seinen Namen der Legende um den Pirat Störtebeker und seinem angeblichen Lager an diesem Platz verdankt. Man kann sich bei seinen Erzählungen regelrecht vorstellen, wie der kleine Theodor im Gras liegt, zu den Wolken schaut, den stetigen Wellen lauscht und gedankenversunken vor sich her träumt. Er erzählt, wie Gäste im Sommer im Haus unterkommen und an den Strand kutschiert werden. Während Fontane ein Swinemünde und Heringsdorf ohne Landungsstege, Promenaden und Hotelanlagen beschreibt, erblicken wir das Geschehen durch die Brille der Zeit. Weit ab von Effi Briests Provinznest Kessin, das in Fontanes Beschreibung an seine Erinnerungen an das einstige Swinemünde angelehnt war. Später, in seinen Erzählungen von „Oceane von Parceval“ (1882) wird der Schauplatz um Heringsdorf zu dem Ort, der ihn bis heute prägte – zu einem mondänen Seebad, das den Adel und die Aristokratie aus Berlin anzog.

Fontane selbst gehörte nicht dazu, wenngleich er mit Frau und Kindern in Berlin wohnte. Seine Tätigkeit als freier Journalist und Romancier bescherte ihm und seiner Familie notorische Geldsorgen und wackelige ökonomische Verhältnisse. Doch wie Fontane eh sagte: „Ja, so schön das ist, man kann doch nicht immer bloß aufs Meer blicken.“

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